Schmerzende Füße, aufgefrischtes Denglisch Vokabular, staunen über Innovationen und jede Menge neuer Trends. Das kann nur eins bedeuten: CeBIT-Besuch in Hannover.
Frischen Mutes und leicht verschlafen startete die conception-Deligation zur nächtlichen Stunde von der Villa Waldrich. Erstes Highlight des Tages: Der Sonnenaufgang im Westfalenland. Zweites Highlight: Einmal Geisterfahrer spielen und anders herum auf die Autobahn auffahren. Dank geänderter Verkehrsführung zur Messezeit war dies zwar etwas merkwürdig, aber glücklicherweise völlig gefahrlos möglich. Wow, schon zwei Highlights bevor die Messe überhaupt anfing! Pünktlich um 9:30 Uhr konnte das Abenteuer dann CeBIT starten.
Sehenswert waren sicherlich die Neuerungen in Sachen User Interface. T-Systems und Mircosoft zeigten einen Tisch namens "Surface", dessen Oberfläche an ein überdimensionales IPhone erinnerte (Halle 6; Webciety). Mittels Fingerzeig lässt sich die für den Anwendungsfall individuell programmierte Software vom Benutzer steuern. Bis zu 5 Nutzer à 2 Finger sind gleichzeitig möglich. Die Möglichkeiten des Tischs wurden u.a. am Beispiel einer Hotellobby demonstriert. Dem Gast können beispielsweise interessante Adressen in der Nähe angezeigt werden. Mit wenigen Fingertipps lässt sich die Google-Maps-Karte beliebig verschieben und vergrößern. Dank einer eingebauten Kamera lassen sich auch Dinge auf dem Tisch erkennen. Als Usecase musste ein Paar Socken herhalten. Die Software erkannte den Strichcode und zeigte Detailinformationen zum Produkt. Ich bin gespannt auf die erste Bar, die diesen Tisch einsetzt. Blättern in der Getränkekarte und bestellen per Touchpad. Tisch erkennt anhand der Glasform den Cocktail und zeigt beispielsweise Inhaltsstoffe. Während der Fußball-WM werden die Spiele auf dem Tisch übertragen und Kneipenbesucher können live wetten. Ach, schöne neue Touchpad-Welt… Das Möbelstück wird bereits in Serie gefertigt und ist mit ca. 8.000 Euro schon jetzt erschwinglich.
Wer sich die Finger nicht schmutzig machen möchte, findet bei Tobii Software (Halle 9) eine überaus sehenswerte Lösung. Das Zauberwort hier heißt Eyetracking. Ein im Monitorgehäuse angebrachter Sensor misst die Position der Pupillen. Dadurch ist es möglich, Bildschirminhalte ausschließlich über Blickkontakt zu steuern. Dies durfte ich selbst bei einem langen Text ausprobieren. Als ich im Lesefluss den unteren Bildschirmrand fasst erreicht hatte, scrollte der Text wie von Zauberhand nach oben. Auch andere fiffige Steuerungs-Szenarien konnten ausprobiert werden. Einsatzgebiete des ca. 25.000 Euro teuren Gerätes liegen in der Marktforschung (wohin schaut der Kunde im Regal/auf dem Plakat/auf der Webseite), in der Unterstützung von behinderten Menschen oder im Militär. Ganz nach dem Motto: Wenn Blicke töten könnten.
Wie nicht anders zu erwarten hatte auch das Fraunhofer Institut (Fraunhofer FIT in Halle 9) einige Innovationen im Gepäck. So konnte das gute alte Pingpong, das wohl das erste Videospiel der Welt war, neu erlebt werden. Anders als beim Original wurde das Spielfeld aber auf einem 3D-Monitor abgebildet, der ein räumliches Bild liefert. Gesteuert wird der Schläger mit der eigenen, in den Raum gestreckten Hand. Hier sind nicht nur Bewegungen von links nach rechts bzw. oben und unten möglich. Auch in die Tiefe des Raumes (also nach vorne und hinten) lässt sich der Schläger bewegen. Sollte jemand die Lübecker Nachrichten abonniert haben, stehen die Chancen gut, dass er darin ein Bild von mir beim 3D-Pingpong findet. In diesem Fall bitte Belegexemplar an mich!
Ebenfalls vom Fraunhofer-Institut kommt eine Technik mit dem Namen „Real Time Detection of Persons and Objects". Die Software erkennt in Echtzeit Gesichter in einem von einer Kamera aufgenommen Bereich. Der Clou: Neben dem Geschlecht werden auch Emotionen (angry, happy, sad, surprised) gemessen. Ich fand die Technik sehr beeindruckend. Oder wie es die Fraunhofer-Software beschrieb: 90% happy; 10% surprised.
Auch einige conception Kunden sind auf der diesjährigen Messe vertreten. In Halle zeigen Rittal, Lampertz und Litcos unter dem Motto „Complete IT Competence" das „effizienteste, sicherstes und ökologische Rechenzentrum der Zukunft". Einige Gänge weiter können bei Schäfer IT-Systems Serverschränke, Netzwerkschränke, Gehäusesysteme und Klimaschranklösungen made in Germany begutachtet werden.
Große Stände, große Wirkung. Das dachten sich wohl auch die Firmen Software AG (Halle 4), Steeb (Halle 4) und Tobit (Halle 6). Ebenfalls geklotzt statt gekleckst wurde erwartungsgemäß bei IBM (Halle 2). Sehenswert waren dort weniger die Produkte, sondern eher die Darbietung der Cloud Computing Lösung durch 512 an Schnüren gezogene Bälle. Schwer zu erklären, aber sehenswert: 
Ganz anders ging es im Webciety-Bereich (dazu unten mehr) zu. Anstelle von Ständen präsentierten sich die Unternehmen in kleinen wabenförmigen Bereichen. Auf ca. 20 Quadratmetern standen jedem Aussteller ein kleiner Tresen und eine ca. 8 Quadratmeter große Leinwand zur Verfügung. Einer dieser Ausstellerbereiche ließ gar das Standpersonal vermissen. Stattdessen fand der interessierte Besucher nur ein Telefon und einen projizierten Hinweis: „Wir haben mehr Aufträge als erwartet – deshalb ist leider keiner persönlich hier. Nutzen Sie doch einfach unsere Hotline zum Geschäftsführer. Kostenloser Anruf hier am Stand." Man wird wohl nie erfahren, ob es sich hierbei um einen von langer Hand geplanten PR-Gag oder um einen aus der Not geborenen Plan B handelt.
IT wird grün. Green IT heißt ein weiteres Schlagwort der diesjährigen CeBIT. Auf 2000 Quadratmetern präsentieren Aussteller, wie IT und Umweltschutz zusammenpassen. Wie lässt sich CO2 einsparen, wie verbrauchen Computer weniger Strom, welche umweltschonenden Materialien lassen sich bei der Produktion einsetzen? Antworten auf diese und andere Fragen finden sich in Halle 8.
Computer sind überall. Das zeigt sich auch dieses Jahr deutlich. Ein neuer Trend ist sicherlich, dem Kind einen Namen zu geben. Man nehme ein „e" (für 300 Mark käuflich beim Glücksrad zu erwerben) und die Bezeichnung der Branche. Fertig sind „eGoverment", „eHealth", „eMarketing" oder das klassische „eCommerce". Ich bin gespannt, welche eWords in den nächsten Jahren folgen.
Halle 6 ist definitiv die interessanteste Halle, wenn es um Marketing-Trends geht. Wem Web2.0 schon zu bieder klingt, der darf nach der CeBIT nun ein neues Wort in sein Buzzword-Vokabular aufnehmen: „Webciety", ein Kunstwort aus „Web" und „Society". Auf den Punkt gebracht zeigte die Ausstellung in Halle 6, wie das Internet eine immer größer werdende Bedeutung in der Gesellschaft einnimmt. Blogs, Twitter, das Handy als multimedialer Alleskönner, User Generated Content, Video-on-Demand,…. Die neuen IT-Formen bieten auch neue Chancen in der Werbung. So beschäftigten sich einige interessante Vorträge und Podiumsdiskussionen damit, wie die neuen Kanäle für Unternehmen nutzbar sind. Wer beeindrucken möchte, darf sich gerne auch noch folgende Worte notieren: „Advertising 2.0", „Mobile Services" oder auch „Enterprice 2.0".
In anderen Ecken der Halle ging es da schon bodenständiger zu. Einige CMS-Anbieter zeigten ihre Produkte und in der Marketing Solution Area am Stand des BVDW (Bundesverband Digitale Wirtschaft) wurden auch mutmaßlich altbackene Themen wie E-Mail-Marketing angesprochen.

The time is NOW!
An dem stark zurückgefahrenen Angebot an Werbegeschenken zeigt sich, dass die aktuelle Wirtschaftliche Situation auch an der IT-Branche nicht spurlos vorüber zieht. Dass heuer 25% weniger Unternehmen als 2008 vertreten sind, fällt bei den 4300 Ausstellern nicht weiter auf. Das Angebot an Informationen ist nach wie vor überwältigend und ein Tag Messebesuch noch immer viel zu kurz.
Nach dem Messebesuch steht nun die Hausarbeit an: Flyer, Zeitungen, Broschüren, Visitenkarten und nicht zuletzt das Übermaß an Eindrücken sortieren.
Mit der Webciety hielt erstmals ein neuer Themenbereich Einzug in die sonst recht technische CeBIT-Welt. In der Zukunft wird dieses Angebot hoffentlich noch weiter ausgebaut. Von wirklich guten Vorträgen abgesehen, ist die CeBIT aber wohl noch immer nur die Nummer 2 unter den Messen, wenn es um digitales Marketing geht. Wesentlich informativer gestaltet sich erfahrungsgemäß die Düsseldorfer OMD („Online Marketing Düsseldorf"), bei der Aussteller rund um das Thema Online Marketing (u.a. Suchmaschinen-, Performance-Marketing, E-Mail- und Affiliate-Marketing) vertreten sind. Dadurch, dass sich die IDEGO Company GmbH in Zukunft auf Modemessen spezialisieren möchte, wird es 2009 keine OMD mehr geben. Abhilfe ist jedoch schon in Sicht. Am 23. und 24. September startet in Köln die dmexco. Gleiche Aussteller, gleiches Programm, aber neuer Name. Und ein weiterer Punkt im rheinischen Städteduell für die Domstadt.
Zum Schluss möchte ich Herrn Lampert von Tobii Technology für die eindrucksvolle Demonstration der Eyetracking-Technologie danken. Vielen Dank auch an Herrn Kretzmar von T-Systems, der bei Fragen zum Touchpad-Tisch geduldig parat stand und an Herrn Faak von Mangotree Marketing, der mich freundlicherweise in den Reseller-Bereich schmuggelte. Danke auch an die unzähligen Standmitarbeiter für die interessanten Vorführungen.
Einige Highlights der CeBIT wurden übrigens live über den Twitter-Kanal von conception übertragen und liefen im Empfangsbereich der Villa Waldrich auf der Großbild-Leinwand.
Habe selten einen so unterhaltsam ("Wenn Blicke töten könnten")geschriebenen Messebericht gelesen. Mehr davon!
Thomas Euteneuer
Surface ist unglaublich.
Ich stelle mir gerade vor, wie cool mein Schreibtisch in naher Zukunft aussehen könnte. Tastatur, Telefon und Drucker im Spiegeltisch integriert, keine Jobtaschen mehr, nur den Kaffee gibt es noch aus einer Tasse.
Immer gerne geschehen Herr Möller