In den letzten Monaten war ich weniger „social“, habe weniger gebloggt, getwittert und geteilt. Stattdessen habe ich mehr gelesen. Um mich auf mich selbst zu besinnen, habe ich meine Social Media Aktivitäten zurückgefahren. Dabei haben mir einige Bücher gute Dienste geleistet – unter anderem „Wer bin ich, wenn ich online bin…“ von Nicholas Carr. Warum ich das erzähle? Weil ich glaube, dass jeder Internet-Nutzer von der Lektüre dieses Buches profitieren könnte.
Dann geht es Ihnen wie mir.
Alle diese Erfahrungen kenne ich von mir – und auch über die Ursache war ich mir immer im Klaren. Durch intensive Nutzung von Computer, Internet und Social Web bin ich zu einem Infovore geworden, einem Datenfresser. Ich verfüge heute dank totaler Vernetzung über mehr Informationen denn je. Leider ist mein Geist keineswegs klüger, größer oder schärfer geworden – im Gegenteil: Ich weiß, wo ich Information finden kann, aber ich finde dafür weniger Wissen in mir. Die Zeit und Ruhe, um Informationen zu verinnerlichen, fehlt einfach.
Wie Nicholas Carr anschaulich darstellt, führt die Nutzung der Computertechnologien dazu, dass wir Informationen oberflächlich scannen, von Link zu Link springen, Nachrichten überfliegen. Durch die tägliche Nutzung werden entsprechende Datenerfassungs-Fähigkeiten im Gehirn geschult; andere Fähigkeiten wie das konzentrierte Lesen verkümmern dabei unmerklich. Das ist das Paradox der Neuroplastizität, des anpassungsfähigen menschlichen Gehirns: Geistig höchst flexibel, können wir doch in starre Verhaltensmuster gleiten und verharren. Ein Horrorszenario für jeden Kreativen.
Nicholas Carr beschreibt, wie die intellektuellen Techniken, die „Denkwerkzeuge“ Uhr, Karte, Computer… unsere Wahrnehmung beeinflusst haben. Jedes dieser Werkzeuge macht die Welt ein wenig abstrakter, dafür aber messbarer, damit wir umso produktiver sein können. So entwickeln wir uns nach und nach zu Effizienz-Maschinen. Ob per RSS-Feed, Twitter oder E-Mail: Durch den kontinuierlichen Datenfluss und dessen ständige Verarbeitung bin ich selbst zu einem Datenverarbeiter geworden, meine Kreativität verkümmert zugunsten der vermeintlichen Effizienz eines Computers. Mehr und mehr nehme ich meine Umwelt wie eine Maschine wahr, die Informationen nach bestimmten Regeln scannt, sortiert und nach festgelegten Kriterien ablegt, kommentiert, weiterverarbeitet. Im Grunde ist das nicht schlecht, sondern eine natürliche und sinnvolle Anpassung an das Informationszeitalter. Das Problem ist jedoch: Das flüchtige Überfliegen von Informationen wird mit der Zeit zum Selbstzweck. Ich musste immer online sein. Ich konnte nicht mehr ohne. Wie süchtig ich nach Informationen geworden bin, habe ich gemerkt, als ich mein iPhone verloren hatte. Eine heilsame Erfahrung: Ich hatte wieder Zeit – zum Beispiel, um Bücher zu lesen.
Nach einem Exkurs über die orale Kultur und die Entwicklungsstufen von Sprache und Schrift erklärt Nicholas Carr die Vorzüge des Buch-Lesens. Das Spannende: Lesen ist eine Anomalie, die unserer tierischen Abgelenktheit widerspricht:
„Ein Buch zu lesen stellt einen unnatürlichen Denkvorgang dar, der anhaltende ungebrochene Aufmerksamkeit für ein einziges, statisches Objekt erfordert.“
Carr, S. 108
Durch das Lesen vollzog sich ein Wandel im Bewusstsein, bei der andere Stimuli ignoriert werden, um die Aufmerksamkeit auf Gefühle, Gedanken und den Stream of Consciousness zu lenken. So entwickelte sich eine neue geistige Ethik:
„Die Entwicklung des Wissens wurde zunehmend zu einem privaten Akt, bei dem jeder Leser in seinem eigenen Geist eine persönliche Synthese der Gedanken und Informationen schuf, …“
Carr, S. 113
Im WWW jedoch ist alles mit allem verknüpft, ich bin sowohl Leser als auch Schreiber, die Grenzen zwischen den Medien verschwimmen; Text, Bild, Film, Ton – alles ist eins. Und das nächste immer nur einen Klick entfernt. Dieses Angebot stimuliert und missbraucht unser animalisches Aufmerksamkeitsschema, welches dem Buch-Lesen diametral entgegengesetzt ist, denn:
„Das Netz zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich, nur um sie dann zu zerstreuen.“
Carr, S. 188
Carr zitiert unter anderem Forscher der Standfort Universität, die 2009 Multitasker analysiert haben, mit den Worten, diese seien „süchtig nach Irrelevanz“, „alles lenkt Sie ab“ und wir würden unser Gehirn darauf trainieren „jedem Mist Beachtung zu schenken“ und so fällt es uns, mir, immer schwerer einen Text in Ruhe zu studieren, verschiedene Quellen in Ruhe zu recherchieren und mir mein Urteil in Ruhe zu bilden. Statt Reflektion „heißen wir die Hektik in unserer Seele willkommen“, wie es Nicholas Carr treffend pessimistisch an einer Stelle formuliert. Wem außer Mark Zuckerberg, Larry Page und Jack Dorsey ist eigentlich damit gedient? Welche Auswirkungen hat es, wenn demnächst unsere Kinder an Schulen mit iPads statt mit Büchern unterrichtet werden? Sie werden kein Vorher-Nachher kennen. Ihr Gehirn wird so funktionieren, wie es die Maschinen erfordern, die sie täglich stundenlang nutzen… Einfach abschalten, wie es Peter Lustig gefordert hat, wird immer schwerer.
Nicholas Carr wird Kulturpessimist genannt, weil er unliebsame Wahrheiten ausspricht. Natürlich hat unsere Generation, die noch mit Tafeln, Büchern, Schreibheften und ohne Handys aufgewachsen ist, die Möglichkeit, Grenzen für den Gebrauch der Computer zu ziehen. Unsere Kinder jedoch wachsen in einer Welt auf, in der eine 9-jährige von Microsoft angestellt wird und mit 16 an einem Herzinfarkt stirbt. In einer Welt, in der Burnout zu fast schon zu einer normalen Berufserscheinung geworden ist, weil nur noch wenige zwischen privat und beruflich unterscheiden können.
Ich finde, dass auch für diese kritischen Gedanken Platz sein muss. Vor allem aber kann ich „Wer bin ich, wenn ich online bin…“ aus einem Grund empfehlen: Es eignet sich hervorragend für eine fast vergessene Tätigkeit – ein paar Stunden vertieftes Lesen. Und danach fühle ich mich immer geistig erfrischt und angeregt. Ein Gefühl, dass sich nach einer Klick-Orgie bei Twitter, Facebook oder Google leider nie einstellt.
Erschreckend und aufschlussreich zugleich. Ich finde mich defintiv wieder!
Hmm, heute lese ich "Multitasking gefährdet Entwicklung von Kindern" http://www.golem.de/1201/89343.html
Hier noch ein aktuelles Interview mit Carr: http://theeuropean.de/nicholas-carr/9761-daten-und-denkprozesse